Ein Stream sie zu binden ODER Der Facebook Stream wird fünf!

September 5 2011, 2:17pm

Anfang des Jahres 2006 war die Welt noch in Ordnung. Wer ein Profil auf Facebook – oder jedem anderen Social Network – hatte, verbrachte die meiste Zeit damit, auf den Profilen seiner Bekannten herum zu stöbern. Ist der Beziehungsstatus noch der Gleiche? Gibt’s neue peinliche Partybilder? Und mit wem wurde über’s Wochenende Freundschaft geschlossen? Und wenn zuviele User zuwenig Interesse dran hatten, die Profile ihrer Freunde höchstpersönlich anzusurfen, gab es auch keinen Grund mehr, zu diesem Social Network zurückzukehren – und somit war das Network dem Traffic-Tode geweiht. Doch Facebookgründer Mark Zuckerberg und seine Armee an Entwicklern hatten einen perfiden Plan um dieser (Un-)Tätigkeit ein Ende zu bereiten: anstatt User zu zwingen, jedes Profil einzeln anzuklicken, beschlossen sie den sogenannten News Feed zu erstellen: Alle Änderungen in den Profilen der Freunde und Freundinnen sollten auf einen Blick angezeigt werden.

Eine Geburt mit Hindernissen Nach monatelanger Entwicklungsarbeit ging der News Feed am 5. September 2006 online, die Meldung im Facebook-Blog dazu hatte die etwas lakonische Überschrift: “Facebook gets a Facelift”. Die Aufregung im Facebookteam war groß, die Aufregung der User ebenso. Kommentare wie: “IS THERE A WAY TO TURN THIS SHIT OFF!?” waren symptomatisch für die ersten Reaktionen der User. Entgegen der Erwartungen des Teams fanden die User das neue Feature nicht hilfreich, sondern sahen darin eine direkte Bedrohung ihrer Privatsphäre, ungeachtet der Tatsache, dass die im News Feed enthaltenen Informationen nur eine Zusammenfassung ihrer ohnehin öffentlichen Tätigkeiten auf Facebook waren. Die Nachgeburt: Privacy Settings Laut Facebook waren neun von zehn Reaktionen auf den News Feed negativ und läuteten damit die erste große Krise des Netzwerks ein. Die herablassende Reaktion Mark Zuckerbergs in Form eines weiteren Blogposts tat nichts, um die mittlerweile 100,000en verärgerten Facebookuser zu besänftigen. Also reagierte Facebook indem sie die Privatsphäreeinstellungen änderten und Usern mehr Macht darüber gaben, welche ihrer Informationen nun im News Feed veröffentlicht wurden. Damit waren die meisten User besänftigt, und nach kurzer Zeit war klar, dass Facebook mit dem News Feed eine neue Art der Informationsverbreitung geschaffen hatte. Eine Kreation, die aufgrund der damit verbundenen rasanten Erhöhung der Aktivität unter anderem am Niedergang des damals noch dominierenden Netzwerkes MySpace beteiligt war. Die Idee des News Feeds erobert die (Internet)Welt Mittlerweile ist der News Feed nicht mehr wegzudenken. Und nicht nur auf Facebook: jedes Social Network und etliche andere Webservices bieten einen News Feed an, ein Feature das so beliebt ist, dass es schon als integraler Bestandteil vorausgesetzt wird. Als mit dem im Jahr 2006 gestarteten Twitter das Posten von kurzen Nachrichten immer mehr an Popularität gewann, wurde diese Funktionialität schlichtweg für den eigenen Stream kopiert. Während ursprünglich Statusupdates nur über die eigene Wall gepostet wurden, baute Facebook im März 2009 einen Publisher über den News Feed ein, der ab diesem Zeitpunkt übrigens nur noch als “Stream” bezeichnet wurde. Damit war klar, was Facebook von seinen Usern wollte: noch mehr zu sharen! Kernstück des Services war nun dieser Stream, ein endloser Fluss an Informationen, Links, Statusupdates, Fotos, Videos und allem was User und Unternehmen mit anderen teilen wollten. Ein Stream sie zu knechten… Heute, fünf Jahre später, ist der Stream wichtiger denn je. Mit über 700 Millionen Usern und unzähligen Unternehmen, die um die Gunst eben dieser User buhlen, ist der Stream ein komplexes Stück Code, das über Erfolg und Misserfolg eines Facebookauftritts entscheiden kann. Der Edge-Rank Algorithmus, der bestimmt in welcher Häufigkeit und Prominenz Updates im Stream der User platziert werden, ist immer wieder Fokus wilder Spekulationen und für Unternehmen schon genau so wichtig wie der sagenumwobene Google-Algorithmus. Hieß es vor fünf Jahren noch, wer in den Suchergebnissen von Google nicht auf der ersten Seite aufscheint, existiert quasi nicht, übernimmt der Facebook Stream heute diese Rolle. Ein Umstand, der seine Berechtigung hat. So verwenden laut einer Studie schon über 30% der unter-30jährigen Internetuser der USA Facebook als die primäre Navigation im Web, eine Funktion die vor einigen Jahren ebenfalls noch von Google dominiert wurde. Besonders mit der Einführung des webweiten Like-Buttons und der sogenannten Instant Personalization übernahm der Facebook Stream auch die Aufgabe, Inhalte aus dem ganzen Netz und nicht nur von Facebook-eigenen Seiten zu präsentieren. Wer beispielsweise auf der Film-Seite Rottentomatoes.com stöbert, wird dazu aufgerufen sich mit Facebook zu verbinden um einerseits zu sehen, welche Bekannten ebenfalls auf Rottentomatoes aktiv waren, und um andererseits selbst abgegebene Wertungen der Filme direkt in den eigenen Stream zu posten. …auf ewig zu binden? Wie aber schon bei Google, ist diese Aufmerksamkeitsmonopolisierung nicht ganz unumstritten. Die gerade wieder von heise.de aufgeworfene Frage des Datenschutzes mal außer Acht gelassen, geht es hier auch um sehr konkrete wirtschaftliche Interessen, die derzeit auf Facebook gebündelt sind. Doch die Konkurrenz schläft nicht. So bastelt Google weiterhin fleißig an seinem eigenen Netzwerk Google+, das übrigens ebenfalls einen an Facebook – um es vorsichtig zu formulieren – angelehnten Stream als Kernstück vorweist. Und Twitter, auch schon mehrere hundert Millionen User schwer, hat noch kaum was von seinem Schwung verloren. Eine direkte und ernst zu nehmende Konkurrenz zum Facebook Stream gibt es aber noch nicht. Selbst wenn Facebook jemals die Oberhoheit über der Internetuser Aufmerksamkeit abhanden kommen sollte, die Geburt und Durchsetzung der Idee, auch gegen den Willen der User, wird ihnen so schnell niemand nachmachen. Ein guter Grund dem Stream alles Gute zu wünschen!