GWUP-Konferenz: Quo vadis, Parapsychologie?

June 4 2011, 3:13pm

Das letzte Drittel der 21. GWUP-Konferenz hat begonnen. Den Nachmittags-Auftakt bestreitet Prof. Andreas Hergovich vom Institut für Psychologie der Universität Wien. Er arbeitet im Bereich der psychologischen Grundlagenforschung und beschäftigt sich seit langem aus kritischer Sicht mit paranormalen Phänomenen beziehungsweise den Gründen für den Glauben daran. Jetzt geht es speziell um das Thema Parapsychologie. Beziehungsweise um deren “Gesamtzustand”: Gibt es Ernst zu nehmende neue Entwicklungen/Trends/Paradigmen in diesem Fach? Immerhin hatte der US-Kritiker Ray Hyman 2010 den “Tod der Parapsychologie” diagnostiziert. Dem will Hergovich sich anscheinend nicht so ohne weiteres anschließen, den immer wieder würden Artikel – auch in “guten” Journals wir dem Psychological Bulletin – erscheinen, welche die Existenz paranormaler Phänomene scheinbar belegen beziehungsweise Evidenz für bestimmte Effektgrößen zeigten. Zweifellos sind diese Arbeiten methodisch gut gemacht”, sagt Hergovich, auch wenn er zugleich betont, dass er diesen Studien “sehr skeptisch” gegenüberstehe. Die Hoffnungen der Parapsychologie bleiben diesselbe wie eh und je”, fährt der Referent fort. Und sagt, dass die Parapsychologie mittlerweile “klammheimlich” das naturalistische Weltbild übernommen habe und statt eines “spirituellen” Weltbildes nunmehr eine Art “neue Physik” als Erklärung zu etablieren trachte. Top-aktuell sei in der Parapsychologie das “Neurowissenschaftliche Paradigma”, jedenfalls noch vor dem “Quanten-Paradigma” mit seiner altbekannten Behauptung von der “spukhaften Fernwirkung”. Nun wird’s spannend: Was ist das Neurowissenschaftliche Paradigma? Und was steht in der Zeitschrift NeuroQuantology, die Hergovich gerade vorstellt, und die eine Art Konglomerat beider Paradigmen (“Neuro” und “Quanten”) publizistisch umsetzt? Erst einmal erklärt Hergovich, was die Parapsychologie sich von dem Neurowissenschaftlichen Paradigma verspricht: In der Hauptsache geht es darum, dass durch die neurowissenschaftliche Methodik der naturalistische Ansatz der Parapsychologie eingelöst werden soll.” Dazu gehöre laut Hergovich sowohl die Suche nach einem neuroanatomischen Locus, um den genauen Mechanismus der paranormalen Interaktion aufzudecken, als auch die Untersuchung von “PSI” direkt auf der Ebene des Gehirns. In einer Studie, die Hergovich nun darlegt, wurden dazu 16 emotional eng miteinander verbundene Personenpaare getestet: Der Sender sollte bestimmte Reize (Bilder) auf einem Bildschirm zu betrachten und sie einem Empfänger zu übermitteln. Die Fragestellung war: Ist ein PSI-Stimulus (also etwas “Außersinnliches”) vorhanden oder nicht? Anscheinend nicht, denn es zeigte sich bei der Analyse … … auf der Verhaltensebene nix”. die Trefferquote entsprach also dem Zufall. Auch auf der Ebene der MRT (Magnetresonanztomogrphie) habe sich die Gehirnaktivierung bei den “PSI-Reizen” nicht von normalen (also gezeigten, nicht sensitiv übermittelten) Reizen unterschieden. Nichtsdestotrotz schrieben die Autoren ihrer Studie große Bedeutung zu – nämlich dass es PSI nicht gibt. Hergovichs erläutert dieses komplizierte Experiment und seine ebensolche Deutung an einem Beispiel: Man stelle sich vor, eine Person lacht über einen Witz, aber auf der Hirnebene finden sich keine Unterschiede in der Gehirnaktivität: Langweilt sich also das Gehirn, während sich der Mensch amüsiert?” Oder ist es genau umgekehrt: Jemand lacht nicht über einen Witz, aber trotzdem ist dabei Gehirnaktivität messbar: Amüsiert sich dann das Gehirn, obwohl der Mensch sich gerade langweilt? Hergovichs Fazit: Das Neurowissenschaftliche Paradigma führe nicht weiter, denn: Ob jemand sich amüsiert oder nicht, wird immer noch am besten auf der Verhaltensebene (Interaktion Mensch zu Mensch) festgestellt.” Nicht aber in Form von Hirnmessungen mit bildgebenden Verfahren oder ähnlichem. Oder ein anderes Beispiel: Ein  Schüler löst eine Mathe-Aufgabe richtig, ein anderer Schüler löst die Aufgabe falsch – kann man aufgrund der Bilder von neuronalen Prozessen entscheiden, ob die Lösung richtig oder falsch ist? Nein, das sei nicht möglich. Und deshalb folgert Hergovich: Die Frage nach der Existenz von PSI ist durch die aktuelle Einbeziehung der Hirn-Ebene durchaus nicht klarer zu beantworten. Nach einigen allgemeinen Kritikpunkten am Neurowissenschaftlichen Paradigma der Parapsychologie beziehungsweise den aktuellen Studien kommt Hergovich zu seinem Fazit, zunächst aus Sicht der Parapsychologie selbst:

Die Parapsychologie vollführe derzeit eine Abkehr vom Dualismus, man wolle die Parapsychologie zunehmend innerhalb der Mainstream-Wissenschaften etablieren. PSI-Effekte könnten dann mit bekannten und akzeptierten Methoden untersucht werden.

Inhärente Probleme gebe es trotzdem, zum Beispiel:

In der Parapsychologie sei kein Geld vorhanden und nur sehr wenige Parapsychologen könnten professionelle Forschung betreiben.

Dann erklärt Hergovich sein persönliches, “skeptisches” Fazit: Nach wie vor sei die Parapsychologie “eine Schmetterlingswissenschaft”, die von einem Paradigma zum nächsten flattere. Kritikpunkte gebe es unverändert viele, etwa die Replikationsproblematik. Hergovich: Der definitive Nachweis von PSI-Phänomene ist nicht gelungen.” Dennoch sei eine Professionalisierung der Parapsychologie, zumindest “in Nischen”, festzustellen. Es sei zunehmend eine höhere Kompetenz vonnöten, um der Parapsychologie argumentativ begegnen zu können. Das Ganze sei “keine triviale Angelegenheit mehr” – auch deswegen, weil Parapsychologen zunehmend “schwer durchschaubare Techniken und Methoden wählen”, wie etwa MRT und ähnliches. Vor allem aus diesem Grund zeigten sich immer wieder signifikante Ergebnisse, die nicht leicht zu widerlegen seien. Hergovich kommt zum Schluss: Trotz allen aktuellen Ansätzen … … führt in die Sackgasse.” Die Parapsychologie könne wohl noch eine Zeitlang auf der Welle der Quantenphysik und der gegenwärtigen Begeisterung für die Neurwissenschaften mitschwimmen – dann aber gebe es “ein böses Erwachen”, ist Hergovich sicher. Denn es handele sich bei den neuen Paradigmen lediglich um Analogien ohne Inhalt. Was würde er, Hergovich, als Skeptiker den Parapsychologen raten? Paranormale Phänomene sollten als subjektive Phänomene betrachtet werden, denen am besten mit normalpsychologischen Mitteln beizukommen ist.”